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Anlässlich dringender Sanierungsarbeiten am Steintor
im Jahre 1936 veröffentlichte Heimatforscher Hermann
Scheel nachfolgenden Artikel über die Baugeschichte
des Tores im Heimatkalender 1937 (leicht gekürzt)
Hermann Scheel
Das Steintor
Vor kurzer Zeit hat das Steintor seine Hülle abgeworfen.
Neu im alten Glanze steht es da. Mit Wohlgefallen und Stolz
blickt der Bürger auf sein altes Wahrzeichen.
Unsere Väter haben es zum Schutze der Stadt erbaut.
Es erfüllte aber auch einen anderen Zweck. Mit seiner
überragenden Größe und mit dem fein gegliederten
Giebel sollte es dem Fremden, der sich der Stadt näherte,
künden von der Macht und dem Wohlstand des Ortes.Es
war gewissermaßen das Aushängeschild der Stadt.
Urkunden über das alte Tor sind nicht
vorhanden. Die Nachrichten in der Chronik sind dürftig.
Die ältesten Bilder reichen nur bis zum Jahre 1618
zurück. Das meiste aus seiner Geschichte verrät
das Tor selber dem, der mit prüfendem Auge das alte
Gemäuer betrachtet.
Schon der Name hat uns etwas zu sagen über
die Zeit seiner Gründung. Die deutschen Ansiedler,
die um die Mitte des 13. Jahrhunderts ins Land kamen, brachten
aus dem Westen Erfahrung in der Kunst der Stadtbefestigung
mit. Sie umschlossen den neugegründeten Ort sehr bald
mit Mauern und Gräben. Nicht alle Tore werden gleich
aus Steinen erbaut worden sein. Zum Norden, Westen und Süden
war die Stadt durch einen breiten Sumpfgürtel gegen
feindlichen Angriff geschützt. Dort genügten fürs
erste hölzerne Tore. Im Osten aber reichte der feste
Boden bis unmittelbar an die Mauer heran. Diese gefährdete
Stelle erforderte einen besonderen Schutz und wurde durch
ein Tor aus Steinen gesichert, welches zum Unterschied von
den übrigen deshalb das Steintor genannt wurde. Von
ihm hat dann wieder die Steinstraße ihren Namen erhalten.
Das erste Steintor war aber ein Zwerg neben
dem jetzigen. Wer das Tor aufmerksam betrachtet, wird sehen,
dass etwa das untere Drittel desselben aus roten Ziegeln
besteht, während der obere Teil aus gelblichen Steinen
erbaut ist. Der rote Teil ist das ursprüngliche Tor.
Ergänzt man sich diesen Teil im Geiste durch ein entsprechendes
Giebeldreieck, dann erhält man eine Form, wie wir sie
von den meisten Toren Vorpommerns und Mecklenburgs kennen,
und die gewiss viel harmonischer wirkt als die allzu große
Schlankheit unseres jetzigen Tores. Abb. 1A zeigt das Verhältnis
des alten und neuen Tores zueinander.
An dem alten Unterbau lässt sich mancherlei
beobachten. Die Steine sind 9 cm dick, 12 cm breit und 27
cm lang. Das ist ein ungewöhnlich dickes und schmales
Format, wie wir es in Anklam nur noch im ältesten Teil
der Marienkirche wiederfinden. Auch in der Struktur stimmen
die Steine der beiden Bauten überein. Und da dieser
Teil der Marienkirche dem so genannten Übergangsstil
angehört und seine Erbauung bald nach 1250 angesetzt
wird, so kommen wir damit der Gründungszeit Anklams
(1242) sehr nahe. Wir dürfen also annehmen, dass das
Steintor so alt ist als die Stadt selber.
Die Außen - oder Feldseite des alten
Tores ist ohne jeden Schmuck, ein reiner Zweckbau. Die glatten
Wände zeigen 6 schmale Schießscharten. In der
tiefen Rille hinter den stark vorspringenden Pfeilern bewegte
sich das Gatter auf und nieder. Am interessantesten ist
die der Steinstraße zugekehrte Seite. Der Rest des
ursprünglichen Tores, in der Zeichnung 1 A schraffiert,
hebt sich in den Zeichnungen 1 B und 1 C durch seine schöne
Gliederung vorteilhaft von den benachbarten Bauteilen ab.
Die schmalen , von unten nach oben immer kürzer werdenden
Blenden (a, b, c) verraten durch die zierlichen Formen der
oberen (c), dass das Gebäude hier dem Abschluss zustrebte,
also nicht viel höher gewesen sein konnte.
Zwischen den schraffierten alten Bauresten finden wir in
der Abb. 1 A eine große Öffnung, die oben durch
einen Spitzbogen geschlossen ist. Diese Öffnung (d)
ist eine Annahme, für die viele Gründe sprechen.
Die Zeichnung 1 B gibt das Steintor so wieder,
wie wir es bisher kannten. Um das Gebäude herum laufen
3 Bänder von übereckgelegten Steinen (e e, f f,
g g. Während das untere Band (e e) quer über die
Westfront läuft, das Band f f unterbrochen. Bei der
gegenwärtigen Erneuerung hat man (ich möchte sagen,
leider) das fehlende Zwischenstück ergänzt. Bei
dem oberen Band (g g) ist diese Ergänzung mit andersfarbigen
Steinen und in gröberer Arbeit schon viel früher
erfolgt, vielleicht schon beim Aufstocken des Tores. Das
plötzliche Abbrechen der Bänder f f und g g bedeutet,
dass an den Abbruchstellen die Mauern einmal zu Ende waren
und dass das dazwischenliegende Stück eine spätere
Ergänzung sein muss. Betrachtet man dieses eingefügte
Stück auf der Zeichnung 1 B und 1 C, so erkennt man
an den breiten unbeholfenen Blendenformen desselben, dass
es in den übrigen feingegliederten Teil des Baues nicht
hineinpasst. Es besteht größtenteils auch aus
anderen Steinen, nämlich aus denselben hellen Ziegeln,
aus denen der obere Teil des Tores erbaut ist. Daher ist
es sehr wahrscheinlich, dass sich an dieser Stelle ursprünglich
eine Öffnung befunden hat, wie sie Abb. 1 A zeigt,
und wie sie heute noch an anderen Toren zu sehen ist (Abb.
2).
Beim Rostocker Tor in Teterow ist sie heute durch eine
Bretterwand verschlossen. Das Luisentor in Demmin scheint
ganz ähnlich wie das Anklamer Steintor aus einem alten
niedrigen Gebäude mit durchbrochener Rückwand
entstanden zu sein (Abb. 3.)
Wann das Steintor zu seiner jetzigen Höhe von 32 m
empor gezogen wurde, ist nicht bekannt, jedenfalls noch
vor Einführung der Feuerwaffen, vielleicht in derselben
Zeit, wie der Hohe Stein erbaut wurde (1458).
Das sonst überall durch Blenden belebte
Mauerwerk zeigt unter dem Giebelfeld (zwischen den Buchstaben
h und i) an allen 4 Seiten große, kahle Mauerflächen,
in deren Mitte sich Luken (k) befinden, so groß, dass
ein Mensch aufrecht darin stehen kann. Diese 4 Luken waren
Türen zu einem Wehrgang, der um den Turm herumführte.
Die Löcher aus denen die Tragebalken hervorragten (11),
sind noch zu sehen, die in der Zeichnung sichtbaren kleineren
Löcher unter denselben für die schrägen Stützbalken,
sowie die Löcher darüber für das Dachgebälk
des Wehrganges, sind bei der letzten Ausbesserung zugemauert
worden.
Die Abb. 1 C zeigt, wie unsere Väter
vor 400 Jahren ihr Steintor sahen. Durch den Wehrgang wurden
die kahlen und unschönen Wandflächen des heutigen
Tores vollkommen verdeckt. Nur so ist das Bauwerk vollständig
und schön.
Von diesem Wehrgang aus schaute der Türmer ins Land,
spähte er hinüber zum Hohen Stein, beobachtete
er die Peene stromauf- und abwärts, und warnte er die
untenstehende Torwache durch Hornsignale, wenn Gefahr drohte.
Von hier aus verteidigten sich die Bürger mit Pfeil
und Bogen und Lanzen. Nach Norden und Süden schloss
sich die Stadtmauer an das Tor an. Auf den Wehrgang der
Mauer gelangte man durch seitliche Türen. . . .
Als die Feuerwaffen in Gebrauch kamen, erfuhr das Steintor
einen völligen Umbau. 1570 wurde vor demselben ein
Gewölbe angelegt, zu dem die Ellernpfähle schon
ein Jahr zuvor eingerammt waren: (Stavenhagen); denn dieses
Vortor musste dort errichtet werden, wo sich bis dahin der
Graben befand, der nun weiter nach vorne verlegt und verbreitert
wurde. Im 30 jährigen Kriege (1634) erweiterte man
abermals die Festungswerke. Damals entstanden die Bastionen,
die der Stich von Merian deutlich zeigt. Der ganze Anklamsche
Kreis war verpflichtet, daran mitzuarbeiten.
Aus der Zeit von 1600 bis 1689 besitzen
wir 5 Stadtbilder. Auf jedem ist das Steintor zu sehen,
aber auf allen ist es verschieden dargestellt. Keines zeigt
mehr den Wehrgang oben am Tor. Er wird 1570 verschwunden
sein, da er nach Errichtung des Vortores seine Bedeutung
verloren hatte. Die 3 Ölbilder im Rathaus (datiert
1600, 1625 und 1689, wovon die Datierung von 1600 anzuzweifeln
ist) weisen ein gewaltiges Vortor und vor demselben eine
lange Brücke, mit einer Klappe zum Öffnen auf.
Die Abb. 4 gibt die Ansicht des Tores aus dem Jahre 1689
wieder.
"Das alte Gewölbe vor dem Steintor,
vermittelt dessen die Wälle auf beiden Seiten des Tores
zusammenhingen, wurde 1759 niedergerissen." berichtet
ein Zeitgenosse, der damalige Rektor Körbin der Lateinschule.
Das Niederreißen ist gründlich gemacht worden;
denn von all den Vorbauten ist heute nichts mehr zu sehen.
Beim Bau der Kanalisation fand man in der Erde, dort, wo
heute die Anschlagsäule steht und noch weiter vom Tor
entfernt, Reste starker Fundamente.
Nachdem das Steintor als Festungswerk bedeutungslos
geworden war, wurde es zum Gefängnis umgebaut. Ein
riesiger Schornstein führt durch das ganze Tor. Er
ruht auf dem Gewölbe der Durchfahrt und teilt das Tor
von unten bis oben in eine östliche Hälfte, in
der sich die Treppen, und in eine westliche, in der sich
in 4 Stockwerken übereinander Gefängniszellen
befinden. . . .
Der kleine Hof hinter der ehemaligen Polizeiwache war der
Gefängnishof. Auf demselben fanden auch Hinrichtungen
statt, die letzte 1853.
Mit dem Umbau in diesem Jahre wurde dem
beginnenden Verfall des alten Tores Einhalt geboten. Es
hatte sich durch den erhöhten Straßenverkehr
der letzten Jahre bereits große Risse gebildet. Starke
eiserne Anker, die das Tor von Osten nach Westen und von
Süden nach Norden zusammenhalten, verhindern ein weiteres
Auseinanderdrängen. Durch Ziegel im alten Format, die
für diesen Zweck besonders hergestellt wurden, sind
alle schadhaften Stellen des Mauerwerks aus gebessert worden.
Das Tor ist wieder zu einem Schmuckstück geworden und
im Olympiajahre 1936 zu einer Ehrenpforte für die fremden
Gäste, die unsere Stadt berührten.
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